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„Wut, Protest, Vertrauenskrise: Frankreichs schwieriger Dialog zwischen Politik und Volk“

20 juin 2026

Es sei ein sehr persönliches Verhältnis, das der Franzosen zu ihren Präsidenten. Man erwarte viel von einem neuen, und die Gefahr der Enttäuschung sei dementsprechend groß: Dies ist eine der zentralen Thesen, die dei Berliner Politologin Julie Hamann in ihren hochinteressanten Vortrag meisterlich und auf faszinierend souveräne Weise vortrug.

Am Samstag, dem 20. Juni 2026 hatten sich 20 Zuhörer in einem Seminarraum unserer Kooperationspartners Volkshochschule versammelt, lauschten hochkonzentriert und beteiligten sich an einer regen Diskussion zu den verschiedenen Aspekten des Themas, das die Referentin angegangen war: „Wut, Protest, Vertrauenskrise: Frankreichs schwieriger Dialog zwischen Politik und Volk“. Der Leiter der vhs Bayreuth, unser Mitglied Martin Boekstiegl, begrüßte die Anwesenden und lobte die gute Zusammenarbeit von vhs und DFG im Jubiläumsjahr der Städtepartnerschaft mit Annecy. Der Vorsitzende der DFG Bayreuth Steffen Arzberger bestätigte dies in seinem Grußwort.

Julie Hamann führt in ihrem Vortrag aus, dass es verschiedene Faktoren gebe, die die Besonderheit des Protests in Frankreich bedingten, unter anderem die kollektive historische Präsenz der Französischen Revolution, der Résistance und es Mai 1968: All diese Bewegungen zeigten, dass Machtwechsel durch das Volk möglich und legitim seien. Ebenso wichtig sei die Rolle der Streiks. In Frankeich hätten die Gewerkschaften zwar vergleichsweise wenige Mitglieder, doch das Streikrecht sei viel stärker als beispielsweise in Deutschland: Das Recht zu streiken stehe jedem einzelnen Arbeitnehmer zu; selbst Beamte hätten das Recht zu streiken, und politisch motivierter Generalstreik sei als Idee etabliert.

Anders als in Deutschland gälten in Frankreich Kompromisse eher als Zeichen der Schwäche; im Parlament gebe es weder Fraktionen noch Koalitionen, während man im östlichen Nachbarland eher auf Konsenskultur setze und zudem in einem föderalen System lebe.

Ein aktueller Unterschied zu Deutschland und anderen Nachbarländern sei das geringe Vertrauen der Franzosen in ihre Politiker (im Januar 2026 nur 22% vs. 55% in Deutschland).

Eine Rolle spiele hierfür eventuell auch, dass Frankreich stark auseinanderdrifte, was urbane und rurale Regionen angehe. Jérôme Fourquet spreche in seinem Buch „L’archipel français“ (2019) sogar schon davon, dass man nicht mehr mit-, sondern nebeneinander lebe. Ein Beispiel sei der TGV: Man brauche zwar nur vier Stunden von Paris nach Marseille, dafür sei das Land zwischen diesen Metropolregionen aber vom Netz abgeschnitten. Der Protest der Gelbwesten im Jahre 2018 sei Ausdruck dessen gewesen, dass sich viele Bewohner der eher ländlichen Gegenden nicht gesehen fühlten.

Dies sei allerdings ein Phänomen, das ähnlich auch in Deutschland, insbesondere in den Neuen Bundesländern, zu erkennen sei. Diesem Problem und dem in engem Zusammenhang damit stehenden Erfolg der rechtspopulistischen Parteien Rassemblement National und AfD widmete sich im Anschluss an den hervorragenden Vortrag Julie Hamanns die angeregte Diskussion.

Das Desiderat der Zuhörerschaft – formuliert von unserem Ehrenvorsitzenden Peter Schmidt: Die Referentin möge nach den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 wiederkommen und das Ergebnis einordnen helfen.

Steffen Arzberger

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